Der größte Gewinn des Arbeiten mit SCRUM

Das Arbeiten mit agilen Methoden, vor allem SCRUM, bietet reichlich Vorteile: von Mitbestimmung über Transparenz bis hin zu Teamwork. Doch der für mich mit Abstand größte Gewinn vom Arbeiten mit SCRUM ist die iterative Entwicklung.

Iterative Entwicklung: Produktentwicklung durch Wiederholung mit dem Ziel der stetigen Verbesserung

Das kontinuierliche Veröffentlichen von Verbesserungen eines Produktes ist aus meiner Sicht gewinnentscheidend. Objektiv betrachtet, aus mehrerlei Sicht:

1. Monetär

Durch frühe Veröffentlichung einer eingeschränkten, jedoch voll nutzbaren Software, kann ich die User mit Ihren Bedürfnissen sehr schnell abholen. Ich kann ab diesem Moment bereits Geld verdienen. Im Gegensatz zur Entwicklung im Wasserfallmodell, in welchen ich das Produkt erst komplett fertigstelle und dann veröffentliche, habe ich die Chance den Break-Even-Point wesentlich früher zu erreichen.

2. Weiterentwicklung beruhend auf Erfahrung

Durch die stetige Veröffentlichung habe ich die Chance in der nächsten Iteration bereits gemachte Erfahrungen in die Entwicklung einfließen zu lassen. Das bedeutet, ich kann viel schneller auf Veränderungen, z.B. des Marktes, der Wettbewerber, der Technik, reagieren.

3. Spreading

Statt eines großen Produktes, welches zwar alle Bedürfnisse einer Zielgruppe befriedigt, kann ich im Entwicklungszeitraum mehrere kleinere Produkte fertigen und somit zumindest die Grundbedürfnisse mehrerer Zielgruppen befriedigen. Ebenso sinkt die Wahrscheinlichkeit um die Zahl der Produkte, an allen Zielgruppen vorbei zu entwickeln bzw. wird der Schaden eingedämmt. Zusätzlich habe ich die Möglichkeit Kurskorrekturen in den nächsten Iterationen durchzuführen.

(Die schraffierten Flächen sind die Entwicklungszeiten)

Die Entwicklung in Iterationen erfordert ein Höchstmaß an Identifikation mit dem Produkt

Um überhaupt iterativ arbeiten zu können, bin ich regelrecht gezwungen mich intensiv mit dem Kunden und dem Produkt auseinander zu setzen. Wie sonst sollte ich Verbesserungsmöglichkeiten erkennen, um in einem Umfeld mit sich stetig bewegendem Ziel, das Beste anbieten zu können?

Wobei ich hiermit nicht nur die Verbesserung an sich meine, sondern die Erkenntnis mit geringstmöglichem Aufwand etwas Nutzbares zu veröffentlichen, um damit die Bedürfnisse des Nutzer befriedigen zu können.

Das ist für mich der größte Gewinn der Arbeit in Iterationen.

Ein Beispiel hierzu ist ein regelrechter Klassiker: die Filialsuche eine Ladenkette.

Selbstverständlich wünscht sich der Auftraggeber das beste Erlebnis, damit der Nutzer die Adresse einer Filiale in seiner Nähe erhält. Da kommen sofort: Positionsbestimmung des Nutzers, Umkreissuche usw. in’s Spiel. Die Entwicklungszeiten von mehreren Tagen werden billigend in Kauf genommen. Hauptsache das Nutzererlebnis stimmt.

Doch was spricht dagegen als Erstes eine Seite zu veröffentlichen auf der einfach nur alle Filialen, nach Städten oder PLZ geordnet aufgelistet sind. Eine solche Seite ist in wenigen Stunden veröffentlicht. Der Nutzer kann bereits jetzt eine Filiale in seiner Nähe finden. Durch die Besinnung auf das absolut Notwendige bei geringstmöglichem Arbeitseinsatz, hab ich dem User ermöglicht sein Bedürfnis zu befriedigen. Zugegeben, eine solche Seite ist kein Highlight, aber sie erfüllt ihren Zweck. Die genannten Komfortfunktionen können bei Bedarf in Ruhe entwickelt und später veröffentlicht werden.

Die erlangten Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen:

  • der Nutzer findet jetzt seine gesuchte Filiale, nicht erst in zwei Wochen
    zeitlicher Vorsprung = Gewinn
  • die Möglichkeit zu analysieren ob überhaupt Nutzer eine Filialseite benötigen (oder ob nur der Auftraggeber das glaubt)
  • Zeit, ein weiteres Feature in seiner Grundfunktion zu erstellen und zu veröffentlichen

Allerdings darf iteratives Vorgehen nicht zu schlampiger Arbeit führen. Jede Veröffentlichung muss vollends funktionstüchtig sein.

Voraussetzungen um iterativ arbeiten zu können

Um iterativ arbeiten können zu können, benötigt es zwei grundlegende Fähigkeiten:

  • Der Productowner bzw. das Team muss in der Lage sein, aus dem Gewünschten das Ziel hinter dem Ziel zu erkennen, die Essenz zu bilden und mit kleinstmöglichen Aufwand diese zu gewinnen und zu veröffentlichen
  • Der Productowner muss genügend Rückgrat und Überzeugungsfähigkeit besitzen, um mit dem Auftraggeber diesen Weg zu beschreiten

Das Hauptargument gegen iteratives Arbeiten

Das Hauptargument, welches mir immer wieder unterkommt ist “Wenn ich das sowieso anfassen muss, kann ich es gleich richtig machen. Das spart Zeit.” Doch woher stammt das Wissen was richtig ist? Meist wird dann die Empathy Map bzw. die Userstudien hervorgezogen und damit argumentiert. Das Problem hierbei ist allerdings, dass beide lediglich erdachte, angenommene User beinhalten. Keiner entspricht der Realität. Denn diese sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht auswertbar. Erst wenn ich etwas veröffentlicht habe, kann ich halbwegs sichere Vermutungen anstellen, was der Nutzer benötigt.

Und was passiert wenn ich mich in meiner Annahme was richtig ist, getäuscht habe? Eines ist sicher, ich habe jede Menge Zeit in den Sand gesetzt. Im Besten Falle war es nur “mit Kanonen auf Spatzen geschossen” im schlimmsten Falle muss ich zusätzlich Zeit aufwenden um meinen Irrtum zu korrigieren.